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Neubeginn 3.0: Zwischen Wunder und Warten

  • vor 5 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Es gibt Wunder, die auch in ihrer Wiederholung nichts von ihrem Zauber verlieren.


Ein Spruch, den man normalerweise glücklichen Paaren, die gerade zum zweiten Mal Eltern geworden sind, häufig in die Glückwunschkarte schreibt. Für mich bedeutet dieser Spruch die Wiederholung des Wunders Neubeginn. Wer kann schon behaupten im Leben gleich mit 3 Geburtstagen beschenkt zu werden? Ich fühle erneut diese Faszination und das Staunen bei dem Gedanken daran, die Stammzellentransplantation -als eines der vielen Wunderwerke der Medizin und Forschung -ein zweites Mal in mein Leben zu lassen. Gleichzeitig erzeugt mein Wissensstand vom letzten Mal auch Angst, Zweifel und eine gehörige Portion Schrecken.


Eine Datei voller Menschlichkeit

Dieselbe Ehrfurcht wie letztes Mal erfüllt mich, wie so ein kleiner Beutel voller Zellen eines anderen Menschen die Chance auf ein langes, gesundes Leben bringen kann. In einer Welt in welcher der Schrei nach Gerechtigkeit immer lauter wird, wir umgeben von zahlreichen internationalen Konflikten und damit täglichen schlechten Nachrichten sind, gibt es eine Datei voll mit Namen von Menschen, die es besser machen möchten. 43 Millionen Namen, die bereit sind anderen weltweit zu helfen, egal welcher Herkunft, Religion und Sexualität sie entstammen. Dieser pure Akt der Nächstenliebe ist es, der mir Mut und Hoffnung für mein eigenes Leben, aber auch die Welt in der wir leben, schenkt.


Die Leukämie hat mich gleich zweimal böse überrascht. Bei meinem zweifachen Pech habe ich nicht geglaubt ein zweites Mal das Glück zu haben, einen Menschen -korrigiere- gleich zwei Menschen zu finden, die in allen relevanten, sogenannten HLA-Merkmalen (10/10) sowie mehreren genetischen Feinheiten perfekt zu mir passen. Glück im Unglück? Oder kommt Karma nun endlich auf seltsame Weise zurück und das Universum liefert mir gleich zweimal einen Neubeginn.


Ein Beutel voller Zukunft

Am 27. Februar 2026 ist es soweit und meine Zellen, die einen langen Weg vom anderen Ende der Welt über den großen Ozean bis zu mir zurückgelegt haben, sind bereit meinen Körper mit neuem, gesunden Leben zu fluten. Ein Tag, an dem zwei fremde Menschen ein Bündnis miteinander eingehen. Ein Bündnis voller Liebe, Licht und Leben, um gemeinsam eine Geschichte von Heilung und Gesundheit zu schreiben. Umgeben von meinen Eltern tropft dieses unglaublich wertvolle Geschenk in mich hinein. Die Sonne fällt sanft durchs Fenster und erleuchtet den Raum, während die unterschiedlichsten Klänge und Melodien der Musik aus der Bluetoothbox erklingen und dabei diesen Moment noch zeremonieller machen. Mein Blick geht immer wieder nach oben zu dem Plastikbeutel mit der kostbaren kräftig roten Flüssigkeit. Unfassbar welche Reise diese Zellen auf sich genommen haben, nur um zu mir zu kommen. "Sieht ja aus wie eine Bloody Mary, die Mischung", lacht die Ärztin. Ich verziehe angewidert den Mund und entgegne: "Da stelle ich mir Besseres als Geburtstagscocktail vor. Strawberry Daiquiri zum Beispiel." "Das klingt ja gut, dann Strawberry Daiquiri", nickt sie zustimmend. Der Signature Cocktail ist somit festgelegt und wir genießen weiterhin andächtig dieses Wunder, umrahmt von Sonnenschein und Musik so kunterbunt wie das Leben selbst (Danke hier an alle Einmeldungen für diese wundervolle Willkommensplaylist!).


Ich schlummere nach diesem Kraftakt meines Körpers sorglos und angenehm geborgen in der Gegenwart meiner Eltern weg, während vor meinem inneren Auge das neue Leben in mir pulsiert und sich die Zellen auf den Weg machen. Meine Zellen tanzen im Licht, sind selbst das Licht und explodieren in einer Explosion in alle Farben. Mein Körper erinnert sich an seine Gesundheit.


Warten lernen...

Die ersten Lebenstage beginnen mit diesem seltsamen Gefühl von Schockstarre. Es gibt genug Grund zur Freude und doch ist da diese innere Stimme, die einerseits Angst vor der nächsten Etappe hat, andererseits von einem Gefühl der Unlust und Ungeduld befallen ist. Es heißt Warten, bis die Zellen ihren Weg durch den Körper gefunden, sich angesiedelt und ihre Arbeit -ein neues Blutbild aufzubauen- aufgenommen haben. Ich versuche mir immerfort zu sagen, dass alles soweit gut läuft und nur das im Moment zählt, doch meine Gedankenstränge sind bereits mehrere Schritte weiter vorne. Es ist die Angst, dass es nicht geklappt hat, die Unlust diesen Marathon anzutreten, der noch vor mir liegt, die Kraftlosigkeit loszugehen. Es ist OK nicht himmelhochjauchzend zu sein und dennoch ist das alles doch noch so frisch. Und während ich die ersten drei Tage dieses frischen Lebens in dieser Schockstarre verbringe, beginnen die Gedanken davonzusprinten:


Was ist wenn es schiefgeht?

Was ist wenn es Komplikationen gibt?

Was ist wenn es zurückkommt?

Wann sind die Zellen sichtbar?


.....bei all diesen "Was wäre wenns,....." ist da noch ein Gedanke, der golden schimmernd im Inneren wohnt:


Was ist wenn es gut wird?




What if I fall? -But darling, what if you fly?





 
 
 

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