Ich sehe was, was du nicht siehst
- 4. Mai
- 2 Min. Lesezeit

Von außen betrachtet ist es hier ruhig geworden. Es mag beinahe so wirken, als wäre mit der Entlassung aus dem Krankenhaus alles überstanden – „Ende gut, alles gut“. Du siehst das Bild einer lachenden Heimkehrerin, die nach all den Strapazen und Behandlungen als Siegerin nach Hause kehren darf. Doch was du nicht sehen kannst, ist der lange Weg, der immer noch vor ihr liegt. Die wahre Herausforderung beginnt in der "freien Wildbahn".
Die freie Wildbahn oder 80 Tage Survival Camp
Nach Wochen im Isolationszimmer im 21. Stock fühlt sich die Entlassung zunächst wie Freiheit an. Doch diese Freiheit ist trügerisch. Neben einer umfangreichen Ausstattung an Medikamenten bekomme ich eine lange Liste an Verhaltensregeln mit auf den Weg – gültig für die ersten 80 Tage nach der Stammzellentransplantation. Dazu kommt ein strenges, keimfreies Ernährungsregime für 40 Tage.

Vor mir liegt eine Art Survival Camp, das ich nun in der freien Wildbahn absolvieren muss. Diese ersten Tage nach der Transplantation stellen eine Art Bewährungsprobe und kritische Phase für das neue System dar. Es ist besonders anfällig für Infektionen und Komplikationen. Ich bewege mich also langsam und zögerlich in meinem neuen Freiraum. Hinter jedem kleinen Punkt auf der Haut, jedem Schmerzgefühl und erhöhter Körpertemperatur könnte eine Gefahr lauern. Ich bin in permanenter Alarmbereitschaft. Denn nun muss ich selbst entscheiden, ob ich sofort ins Krankenhaus fahre oder die nächste Kontrolle abwarte. Die engmaschigen Kontrollen erscheinen wie Checkpoints in meinem Survival Camp, an denen ich mein Überleben und meinen Allgemeinzustand deponiere, bevor es wieder in die Wildnis hinausgeht.
Zwischen Erschöpfung und mentaler Zerrissenheit

Diese Wildnis spiegelt sich auch in meinem Inneren wieder.
Ich irre durch sie mit den körperlichen und psychischen Folgen meiner bisherigen Reise als ständige Begleiter. Die Müdigkeit zerrt an mir und saugt mich an manchen Tagen so aus, dass ich mich wie ans Bett gefesselt fühle -eine Art Dornröschenschlaf, der mich immer wieder in seinen Bann zieht.
Meine Kraft reicht nur für die einfachsten Dinge und will weise eingesetzt und auf den Tag verteilt werden.
Während ich so durch die Wildnis stapfe, ziehen sie auf: die grauen Wolken in meinem Kopf. Ängste, Zweifel, Sorgen, Wut, die sich zu einem Tornado entwickeln und mich ebenfalls in die Knie zwingen wollen. Ich liege am Boden, unfähig meine Muskeln dazu zu animieren weiterzugehen, ohne Antrieb weiterzugehen.
Die Gedanken ziehen mich weg von diesem Ort.
Zurück in die Vergangenheit und die Erfahrung der ersten Stammzellentransplantation:
Ein ständiger Vergleich zwischen dem Jetzt und Damals.
Und sie ziehen mich in die Zukunft:
Diese unsichere Zukunft, die ich nicht sehen kann und in der ich vom Schlimmsten ausgehe.
Was du nicht siehst
Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist ein weiterer Überlebenskampf -nicht nur körperlich, sondern auch innerlich. Es ist das Warten auf Ergebnisse, ob die Transplantation erfolgreich war. Der Aufbau eines funktionierenden und gesunden Immunsystems (dauert ca. 12 Monate). Den eigenen Körper wieder mühevoll stärken und zur ursprünglichen Kraft zurück gelangen. Die ständige Konfrontation mit möglichen Komplikationen wie GvHD und Co.

Es ist aber auch....
Immer wieder aufstehen ....
Immer wieder einen Schritt machen....
Und immer wieder aufs Leben zugehen.



Danke!!!