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Mitgefangen-Mitgehangen

Das Leben wird laut einigen Zitaten erst durch die Begegnungen mit Menschen richtig lebenswert (Guy de Maupassant; Wilhelm von Humboldt). Wie verhält es sich allerdings mit Menschen, denen man gezwungenermaßen begegnet, unter widrigen Umständen, mehr oder weniger unfreiwillig und per Zufall?

Es ist beinahe wie in einer der zahlreichen Reality TV-Shows, bei denen eine bunt gemischte Gruppe an Menschen zusammengewürfelt wird und verschiedene Aufgaben bewältigen oder einfach nur auf winzigstem Lebensraum zusammenleben muss ohne sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen.


Der Mensch ist ein soziales Wesen. Es liegt in unserer Natur Verbindungen mit anderen Individuen einzugehen. Manchmal finden sich darunter auch sogenannte Zweckgemeinschaften. Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht wie ich das soziale Verhalten, das Miteinander und vor allem die Menschen in meinem derzeitigen Umfeld (eine Station mit ca. 22 Betten im riesigen AKH Wien) beschreiben soll, damit es weder nach außen als boshaft und unnahbar rüberkommt, noch einer falschen romantischen Sichtweise unterliegt.

Probieren wir es doch einfach einmal so: Ein Zimmer und selbst das gehört dir nicht allein, du teilst es mit zwei anderen Frauen, wir sehen rein vom Haarschnitt her alle gleich aus. Mein Bett ist somit mein Sofa, Rückzugsort, Sessel, Esstisch, Büro und tatsächlich Bett zugleich, denn mehr privaten Unterschlupf gibt es nicht. Die sanitären Anlagen befinden sich am Gang und müssen mit drei Männern aus dem Nachbarzimmer geteilt werden. Ausgang ist nur erlaubt, wenn keine Behandlungen, Untersuchungen oder Auflagen im Hinblick auf den momentanen Gesundheitszustand bestehen. Ihr kommt langsam hinter meine erste Intention diese Gemeinschaft zu beschreiben oder? Gefängnis!

Es gibt bestimmt einige Parallelen, aber wollen wir mal nicht zu dick auftragen. Ich würde es eher nochmal versuchen diese Gemeinschaftshaft oder den Frauenknast als Mitgliedschaft in einem Club zu bezeichnen, zu den man eigentlich nicht dazugehören möchte. Eine verpflichtende Mitgliedschaft auf diesem Weg inklusive dem Beitrag, dass man sich miteinander arrangieren, einen Rhythmus finden muss, um es allen erträglich zu machen und neben den Strapazen der Behandlung auch sonst gut durch diese Zeit kommen zu können.

Ich bin eindeutig nicht hier um Freundschaften fürs Leben zu schließen. Ich bin auf meiner eigenen Reise und das ist eine von vielen Stationen auf dem Weg. Gleichzeitig zur Erinnerung, wir sind ja soziale Wesen, will ich nicht allein und damit eine Einzelgängerin, eine einsame Wölfin sein, die durch die Station streift. Jede*r ist auf dieser Reise und muss auch selbst vorangehen. Wir können uns gegenseitig aufbauen, aber leider auch genauso stark runterziehen. Manche Gespräche ähneln einer Gruppentherapie mit demselben positiven Effekt und manchmal sogar einem besseren als wen ich mit der Psychologin gesprochen habe, andere Gespräche wiederum arten aus in einem Leidens- oder Nebenwirkungsvergleich. Wer hatte mehr und/oder schlimmere Nebenwirkungen während der Chemotherapie? Faszinierend ist, dass dieser Grat ein recht schmaler ist auf dem man in diesen zwischenmenschlichen Beziehungen wandelt. Gerade noch spüre ich die positive Energie, die von einem der Gespräche in unserer Wartezeit zwischen den Mahlzeiten liegt, nur um plötzlich Gefühle von Angst, Ablehnung zu empfinden und das Wort "Rückzug" ganz laut in meinem Kopf zu hören.

Wir können nicht nicht kommunizieren - Paul Watzlawick

Ich bin Teil dieser seltsamen Clique, vor der ich nicht weglaufen kann, obwohl ich viel lieber zu den coolen Kids da draußen gehören möchte. Während deren Leben in der wirklichen Realität dem Sommer entgegensehnt, den zahlreichen Parties, Grillfesten, Ausflügen und Urlauben, werden wir bei "Chemo Big Brother" beobachtet und immer wieder neuen Aufgaben, verwirrenden Aussagen und manchmal ernüchternden Rückschlägen ausgesetzt.

Wie bereits beschrieben, wandle ich auf einem Drahtseil und halte meine eigene innere Balance zwischen der Nähe zu anderen Artgenoss*innen, die mir größeres Verständnis entgegenbringen als jede*r von außen und mich aufbauen können und der Distanz, wenn zu viel Negatives in der Interaktion mitschwingt, das mich runterzieht oder auch Angst macht, wenn ich es zu sehr auf mich selbst beziehe. Ich tanze auf dem Drahtseil.


Wir sind Patient*innen, erleben möglicherweise teilweise dasselbe, nehmen es aber auf 1000 verschiedene Arten und Weisen wahr. Letztlich stehen wir alle nur an derselben Bushaltestelle und warten auf Busse, die sich in verschiedene Richtungen aufmachen. Ein Stück des Weges gemeinsam, ein kleiner Smalltalk und dann ziehen wir weiter und gehen unserer Wege, mit den ganz eigenen Herausforderungen aber auch Freuden und Erlebnissen.


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