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Das bekannte Gesicht

  • vor 52 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Es taucht zögerlich vor mir auf. Die Konturen werden nach und nach klarer, bis ich beginne, dieses Gesicht zu erkennen. Die Augen voller Leben und in einem strahlenden Blauton, der Blick zielstrebig und durchdringend nach vorne gerichtet. Darin liegt auch Sanftmut und ein ganz spezielles Leuchten, das aus dem Inneren hervorblitzt.


Ich beginne, dieses Gesicht zu studieren, all die feinen Züge darin. Die aufeinanderliegenden Lippen mit der Andeutung eines Lächelns. Die Form der Ohren, die frei liegen und von denen aus ich langsam seitlich entlang des Kopfes blicke, bis zu der Stelle, an der der Hinterkopf in einem zarten Schwung in den Hals übergeht.


Eine Hand wandert Richtung Kopf, und nun streiche ich über die ganz besondere Oberflächenbeschaffenheit meines Hauptes: weich in die eine Richtung, leicht stoppelig in die andere. Mit dem nächtlichen Schneefall sind auch meine Haare leise zu Boden gerieselt.


Erstellt mithilfe von ChatGPT (OpenAI, 2026)
Erstellt mithilfe von ChatGPT (OpenAI, 2026)

Ich blicke in den Spiegel und sehe dieses bekannte Gesicht – und doch ist vieles anders. Neben den Narben, die ich in meinem Herzen trage, sind auch sichtbare, frische Narben hinzugekommen – wie jene an meinem Hals, die sich zart unter meinen Fingerspitzen hervorwölben. Am Kopf entdecke ich ein paar kahle Stellen, die von so manchem Kinderhoppala erzählen.


Es ist dieselbe Jasmin, die schon einmal gegen die Leukämie und für ihre Zukunftspläne und ihr (Über-)Leben gekämpft hat. Und doch gibt es diese Jasmin nicht mehr. Wenngleich ich ihr zum Verwechseln ähnlich sehe, unterscheiden wir uns im Inneren.


Ich muss feststellen, dass dieser Akt der Selbstbestimmung – meine Haare am Vorabend meiner Aufnahme abzurasieren – nichts Besonderes war. Der Blick in den Spiegel offenbart mir dieses bekannte Gesicht, katapultiert mich ein Stück in die Vergangenheit und zugleich wieder in die Gegenwart. Ich weiß, was kommt – und zum Teil doch nicht. Eine ungewisse Konstante bleibt, und ein paar neue Elemente kommen dazu. In diesem letzten Moment liegt kein Drama, sondern nur das Gefühl, verloren zu sein.


Es ist die Begegnung mit einer Bekannten, die ich so schnell nicht wiedersehen – beziehungsweise nicht wieder sein – wollte. Die Haare sind gefallen – es gibt kein Zurück mehr.


Ich bin wieder ganz oben im 21. Stock angekommen, um die Leukämie ein für alle Mal zu stürzen. Mein Körper wird wieder von innen vollkommen zerstört und zu Boden gerissen, bis ich erneut fremde Zellen in meinem Körper willkommen heißen darf – in der Hoffnung, dass sie nicht versuchen, sich gewaltsam gegen mich zu wehren.


Wobei – wie viel ist noch von mir übrig? Mein System wurde bereits einmal komplett gelöscht und durch dein Blut ersetzt, bis es zu unserem wurde. Der Teil von mir, der sich versteckt hatte und zurückgekommen ist, ist die Leukämie – dieses Gfrast. Was, wenn nun die beiden Spender*innen in meinem Inneren beginnen, sich zu bekämpfen? Und wo bin ich bei all dem noch? Ist außer Krebs und meiner Persönlichkeit noch etwas von mir da? Was bleibt übrig, wenn dieser Körper erneut angegriffen wird?


Die dunklen Gedanken ziehen wie Wolken an mir vorbei und tragen Worte wie „Ganzkörperbestrahlung“, „höhere Toxizität“, „kaputte Schleimhäute“ und „Organversagen“ vor mein inneres Auge.


Es gibt kein Zurück. Die Tage werden bereits wieder wie im finalen Countdown von –5 heruntergezählt. „Sie wissen ja bereits, wie das bei uns läuft, da muss ich nicht zu viel erklären“, höre ich bekannte Halbgesichter sagen – eine Hälfte Augen, die mich bestimmte Emotionen erraten lassen, die andere Hälfte Maske. Der Bekanntheitsgrad bestimmter Gesichter, Namen und Stimmen steigt – und beruht auf Gegenseitigkeit.


Drei Jahre sind vergangen, und doch scheint die Zeit hier stillzustehen. Ich bin wieder an diesem Ort, umgeben von Menschen, die meine Wegbegleiter sind – und vielleicht meine Rettung.

Das Spiegelbild ist ähnlich. Aber ich bin es nicht. Vielleicht brauche ich Anteile dieser früheren Version noch ein Stück des Weges.

Und dann – wenn der Moment gekommen ist – muss ich loslassen.

Damit Jasmin 3.0 entstehen kann -in 5-4-3-2-1...

 
 
 

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