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Das Spaceshuttle

  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Von ganz oben (21. Stock) bringt mich der Fahrstuhl nach ganz unten in den 3. Stock zur Radioonkologie. Ich halte die knallgelbe Postkarte mit meinem Namen und den Terminen für die Bestrahlung griffbereit in den Händen, um sie gleich beim Schalter abzugeben.

Doch mein Transport fährt zielstrebig daran vorbei und weiter die Gänge entlang nach hinten.

Verwirrt schaue ich den vorbeiziehenden Türen und Fotografien bekannter Urlaubsorte nach.

Wir kommen erneut bei einer Fahrstuhltür zum Stehen und zu meinem Erstaunen geht es noch ein Stockwerk nach unten. Im Inneren riecht es nach Stahl und leicht angebrannt.

"Na toll, von ganz oben, bin ich nun wohl ganz unten angekommen -welch Ironie", denke ich.

Kleiner Hinweis: Das Bild zeigt keinen Linearbeschleuniger, sondern meine Visualisierung der inneren Gedankenreise ;)
Kleiner Hinweis: Das Bild zeigt keinen Linearbeschleuniger, sondern meine Visualisierung der inneren Gedankenreise ;)

Ich werde in meinem fahrbaren Untersatz vor einer weißen Tür mit einem großen A und der Bezeichnung "Linearbeschleuniger Linac" abgestellt. Das klingt mir sehr stark nach Big Bang Theory und dem verstaubten Physikwissen irgendwo in meinem Gehirn. Mein Blick bleibt an einem Bild mit Planeten hängen auf welchem ein Smiley die aktuelle Wartezeit anzeigt.

In diesem Moment öffnet sich die Tür und ich werde in diese neue unbekannte Galaxie hineingelotst.

Ich betrete zunächst eine Art Vorraum mit Kommandozentrale, in welcher einige Personen auf Bildschirme schauen, die das Innere der Kapsel zu zeigen scheinen. Mit einem leisen "Hallo", gehe ich an ihnen vorbei und komme schließlich im Spaceshuttle an. Vor mir ist eine Art höhenverstellbare Plattform aufgebaut, um die ich jedoch herumgeleitet werde und schließlich vor mir auf dem Boden eine Matte vorfinde. Meine sehr höflichen und netten Reisebegleiterinnen bei dieser galaktischen Strahlenfahrt bringen mich zunächst in Rückenlage in die entsprechende Position auf der Matte und setzen anschließend eine Glasplatte über mich. Dann kann die Bestrahlung auch schon losgehen und 7 Minuten höre ich neben der Musik, die aus dem Radio dringt, das kontinuierliche Surren des Linearbeschleunigers, der langsam seine Bögen über mich zieht und dabei grüne Lichtstrahlen zu mir herunterschickt und in meinen Körper fließen lässt.

Ich schließe meine Augen und versuche mit meiner Atmung eine kleine Reise in mein Inneres zu machen und den Weg dieser Strahlen, die gerade durch meinen Körper schießen, vorzustellen.


Das Mantra der leuchtenden Heilungsstrahlen

Die Strahlen sind meine leuchtenden Helferlein.

Sie durchfluten mich wie helles gleißendes Licht, vor denen keine einzige Krebszelle mehr sicher ist.

Sie finden jede kranke Zelle und lösen sanft und kraftvoll auf, was nicht mehr zu mir gehört.

Alle Krebszellen zerfallen zu Staub.

Zurück bleiben nur mehr reine, gesunde und strahlende Zellen voller Leben.

Sie leuchten hell in mir.

Sie fließen frei durch meinen Körper.

Ich bin heil.

Ich bin Licht.

Ich bin Leben.


Zwei Tage hintereinander werde ich jeweils morgens und abends für 7 Minuten in Rückenlage und 7 Minuten in Bauchlage von Photonen (hochenergetische Röntgenstrahlen) "beschossen", wie mir meine freundlichen Reisebegleiterinnen alias Radiologietechnologinnen erklären. Nun bin ich wieder um eine Erfahrung reicher, die ich mir gerne gespart hätte. Aber ich konnte einen tieferen Einblick in den Alltag einer Berufsgruppe gewinnen und einen versteckten, unterirdischen Winkel eines Krankenhauses mit Ausblick auf eine fremde Galaxie kennenlernen.


"Strahlst du dann noch weiter?", fragt mich eine Freundin leicht amüsiert.

Zunächst einmal gebe ich keine radioaktiven Strahlen von mir und wahrscheinlich behalte ich mir davon auch keine überirdischen Superheldinnenkräfte. Also Science-Fiction Heldin werde ich nicht, aber ja ich möchte weiter als leuchtende Quelle der Inspiration, Mut und Hoffnung für Menschen in die Welt hinausstrahlen.


Nach meinem Besuch der fremden unterirdischen Galaxie hoppelt auch das bereits aus vergangener Zeit bekannte Kaninchen (siehe dazu meinen Beitrag vom 22. Mai 2023 Tag -3 Das Kaninchen kommt angehoppelt) und macht sich auch noch über den Rest an verbleibenden Immunzellen in meinem Inneren her. Zu meinem inneren Krieg der Welten zwischen dem Gfrast, mir und den Spenderzellen gesellen sich nun also Laserstrahlen speiende Kaninchen hinzu und machen sich über den letzten Rest an Leukämiezellen inklusive meiner eigenen Zellen her.


Ready for Take Off in -1 Tagen

Bin ich bereit?





 
 
 

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