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Heimaturlaub

Surreal ist jenes Wort, das nicht nur mir beim An- und Rückblick meiner Situation in den Sinn kommt, man schnappt es immer wieder in diversen Gesprächen mit den Leidensgenoss*innen auf.

In Krisensituationen scheint die Zeit, wie in dem berühmten Bild des Surrealisten Salvador Dali, welches geschmolzene Uhren zeigt, zu verschwimmen. Die Ironie daran ist, dass es in den meisten Patient*innenzimmern vieler Krankenhäuser nach wie vor keine Uhren gibt. Ich habe mich in meinem ergotherapeutischen Berufsalltag immerzu gefragt, worin der Sinn liegt, Menschen gerade in Ausnahmesituationen auch noch eine Form der Orientierungshilfe wegzunehmen. Nun gehöre ich auch zu jenen Patient*innen, die beim Nachdenken über den Wochentag, das Datum und die Uhrzeit verstohlen zum Handy greift und sich immer wieder aufs Neue beim Anblick erschreckt, weil die Zeit rasend schnell vergeht. Und das trotz der Tatsache eines sich immer wieder aufs Neue wiederholenden Krankenhaustages.


In all dieser Monotonie sind tatsächlich 26 Tage im AKH Wien für mich vergangen und plötzlich fielen die Worte "Heimaturlaub". Mein Blutsystem hatte sich nach dem ersten Chemotherapiezyklus scheinbar soweit erholt und es konnte über eine kleine Auszeit zuhause nachgedacht werden, bevor es mit der Behandlung weiterging.

Das Wort Heimat und Urlaub in einem hat einen bitteren Geschmack von Gefangenschaft und Ausgang. Ein bisschen erinnert es mich an den "Heimschläfer" beim Wehrdienst, der es den jungen Männern dann und wann erlaubt, übers Wochenende die Kaserne zu verlassen und im vertrauten Bett zuhause zu schlafen.

Ich bekam also auch eine Art Ausgang und wurde am Montag, nach 26 Tagen entlassen. Natürlich nicht ohne einen Termin für die Wiederaufnahme und auch einem Ambulanzbesuch noch in derselben Woche.

Mein Herz hüpfte vor Freude über die Tatsache, dass ich wieder in meinem eigenen Bett, dicht an Manuel gekuschelt schlafen kann. Ich freute mich über Privatsphäre, ein wohltuendes Vollbad und vor allem jede Menge gutes Essen, Zeit an der frischen Luft und intime Zweisamkeit.

Auf der anderen Seite war da allerdings wiederum mein Verstand, der sowohl skeptisch darüber war, wie diese ganze Geschichte weitergehen und vor allem was nach diesem "Urlaub" auf mich zukommen sollte, als auch unzählige Fragen darüber, wie man sich nun in dieser freien Wildbahn so verhalten sollte.


"Vernünftig sein", war die Antwort der Ärztin auf meine Frage, ob es denn etwas zu beachten gäbe in diesem Heimaturlaub. Damit kennt man sich nun natürlich aus oder? Mein wissbegieriger, vorsichtiger und überkorrekter Geist gab sich mit dieser Antwort natürlich nicht zufrieden und stellte alle brennenden Fragen am Nachmittag erneut der Pflege, die bereitwillig, engagiert und liebevoll wie immer ihre Patient*innen an der Hand nimmt und für Aufklärung nach der Visite sorgte.


Der Arztbrief

Einige kennen die Umstände des letzten Aufenthaltstages am Krankenhaus sehr gut und wissen, man ist oftmals schneller IN so einem Krankenhaus als draußen. Der mysteriöse Arztbrief, auf den man warten muss, hält einen durchaus Stunden noch im Zimmer und von zuhause fern. In meinem Fall kam noch dazu, dass ich eine Ladung Thrombozyten als Energiebooster vor der Entlassung bekommen sollte. Wieder einmal könnte man an dieser Stelle einfach nur von großem Pech sprechen, wenn ich euch nun erzähle, dass ich einerseits bis 19 Uhr auf diese kleinen Blutzellchen warten musste, andererseits eine weitere Stunde verstreichen musste, bis mir schließlich um 20 Uhr der Arztbrief (wohlgemerkt mit einer in der Fußzeile notierten Verfassungszeit von 13:33 Uhr) übergeben wurde. Ein langer Tag ging zu Ende, ich war überglücklich, gleichzeitig unendlich genervt von den Umständen meiner Entlassung, erschöpft und vorfreudig darüber, in meinen eigenen vier Wänden einige Tage der Zweisamkeit verbringen zu dürfen.


Durch die leeren Eingangshallen des AKH Wiens, die untertags voller buntem Treiben sind, spazierten wir Richtung Ausgang, nahmen beim Auto angekommen das erste Mal seit 26 Tagen die Masken voreinander ab und küssten uns. Ich fühlte mich, als hätte ich das Patientinnenschild vorerst abgelegt. Meine Gelüste und vor allem meine Geschmacksnerven, die in den vergangenen Wochen wenig Würze erfahren haben, trieben uns in Anbetracht der vorangeschrittenen Zeit zu Mc Donald's. Das Witzige daran ist, dass ich als Kind alias Bruchpilot, beinahe nach jedem meiner Hoppalas dort gelandet bin, um mich über Pommes zu freuen, was sich scheinbar auch in meinem Erwachsenen-Ich abgespeichert hat, denn ich konnte nicht glücklicher sein, als in dem Moment, in dem ich mit einer Schachtel Pommes im Auto neben Manuel saß. Für diese Schachtel brauchte ich nicht nur gefühlt ewig, ich schlief danach auch ein, aber das hatte sich definitiv gelohnt sage ich euch.


Der gepackte Koffer in der Ecke

Surreal -Bleiben wir bei diesem Wort, denn es beschreibt meine Gefühlslage dieser Tage recht gut. In der einen Ecke steht nach wie vor der Koffer, kaum berührt, lediglich die Schmutzwäsche entfernt. Er erinnert mich bei jedem Blick daran, dass ich hier nicht länger bleiben kann und es nur eine Zwischenstation auf dieser Reise ist. Auf dem Küchentisch türmen sich die zahlreichen Mitbringsel und Geschenke meiner Besucher*innen im Krankenhaus.


Ein ganz schöner Weg liegt bereits hinter mir: eine Induktionschemotherapie, gefolgt von einer Aplasiephase, in der ich kaum eigene Blutzellen gehabt habe und aus der ich durch die Arbeit der Blutfabrik auch wieder zügig herausgekommen bin, ohne gröbere Komplikationen. Es erscheint mir rückblickend betrachtet surreal, dass ich das alles erlebt habe und gleichzeitig lachend hier zuhause sitze. Ich merke, dass meine Seele und mein Herz erst jetzt beginnen zu realisieren, was in den vergangenen Wochen geschehen ist. Ich war im Überlebensmodus, all das Geschehene haben mein Körper und mein Geist bewältigt ohne viel darüber nachzudenken. Erst jetzt, in Abwesenheit jeglicher Gefahr und in der Ruhe und Geborgenheit des eigenen Zuhauses beginnt sich in meinem Inneren etwas zu regen.

In der Gefahr selbst hat man keine Angst. Die Angst liegt in der Stille unserer eigenen Gedanken und Vorstellungen von der Gefahr.

Mein Körper ist zuhause angekommen und nimmt seine Umgebung mit allen Sinnen wahr.

Mein Geist spielt mit Gedanken rund um nächste Woche und den weiteren Behandlungsplan.

Meine Seele beginnt zu schluchzen, zu realisieren wie krank sie eigentlich ist, was alles noch kommen muss und wie das machbar sein soll, aber sie beginnt auch die Wunden der ersten Runde langsam zu heilen um sich für die nächste Runde bereit zu machen.

KLING KLING - Hört ihr sie auch, die Pausenglocke, die das Ende der ersten Runde im Boxkampf signalisiert? Willkommen in der Werbepause, in Kürze geht es weiter mit der nächsten Runde...


SURREAL = traumhaft, nicht wirklich, unreal

1 Kommentar

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1 Comment


andreas.duerauer
Apr 19, 2023

Sehr schön - jetzt erst einmal ausspannen, neue Kraft tanken und die Zeit auch genießen, damit du gut auf Runde 2 vorbereitet bist. Der Kampf endet mit KO für die Krankheit. Ganz sicher. Willkommen zuhause, ich freue mich auf dich 😘

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