FOMO vs. NOMO
- vor 15 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Wer kennt sie nicht, die Angst etwas zu verpassen oder auch FOMO (fear of missing out) genannt.
Nach einer schweren Erkrankung fühlt sich dies wie eine Art Wehmut und Trauer um all die versäumten Lebensmomente und Ereignisse an. Ich trauere den Geburtstagsfesten, Weihnachten im Kreis der Familie zuhause, Taufen und Hochzeiten nach, die ich versäumt habe und niemals nachholen kann. Gleichzeitig löst diese Trauer bei mir und vielleicht auch bei so manch anderen Betroffenen, eine regelrechte Aufholjagd nach Erinnerungen aus.
Die Behandlung ist vorbei und der Körper beginnt sich nach und nach von den Strapazen zu erholen oder sich zumindest mit den Langzeitfolgen zu arrangieren. Und plötzlich beginnt die FOMO anzuklopfen und dich raus ins Leben zu schubsen, denn ich habe ja selbst miterlebt, dass es nur ein Leben gibt und ich auf gar keinen Fall noch mehr verpassen kann.
Die Jagd und damit auch der Stress beginnen. Ich werde von meiner innerlichen FOMO und dem Gedanken, dass ich das Leben nicht weiter versäumen kann, angetrieben.
Doch da macht sich auch noch ein weiterer Anteil in meinem Inneren bemerkbar. Dieser macht mir bewusst, dass dieser Aufholjagd Grenzen gesetzt sind und dass das Versäumte nicht nachgeholt werden kann. Nicht nur weil die Menschheit noch immer keine Zeitmaschinen entwickelt hat, sondern weil bestimmte Meilensteine meiner gleichaltrigen Kolleg*innen nicht nur zeitlich, sondern auch biologisch unmöglich geworden sind:
Kinderwunsch bei Unfruchtbarkeit
finanzielle Sorgen und damit verbunden das Aufgeben von Träumen
Stigma Krebs bei Krediten und Zukunftsplänen
Einige dieser Dinge müssen unfreiwillig ausgelassen werden, andere werden zwar auf Basis einer freiwilligen Entscheidung ausgelassen, aber dennoch vor einem fremdgesteuerten Hintergrund. Auf der Suche nach einem Namen für diesen inneren Anteil, habe ich mich für NOMO (need of missing out) entschieden: die Notwendigkeit Erlebnisse auszulassen.
NOMO - need of missing out
Auf der Suche nach einer Erklärung für das Gegenkonzept zu meiner vorhandenen FOMO hat sich für mich der Begriff der NOMO herauskristallisiert. Dieser beschreibt zurzeit am Besten, wie sich dieser momentane Schwellenzustand zwischen einer beginnenden annähernden Normalität mit Kaffeehausbesuchen und sozialen Aktivitäten und der weiterhin andauernden unsichtbaren Heilung anfühlt.
Disclaimer: Im nachfolgenden Abschnitt versuche ich die NOMO aus meiner ganz persönlichen Sichtweise zu erläutern und in eine Art Konzept einzuordnen. Dabei erhebe ich weder Anspruch auf allgemeine Gültigkeit oder Vollständigkeit.
Was bedeutet NOMO?
Darunter wird das bewusste oder auch notwendige Auslassen von Erlebnissen verstanden, um die eigene Heilung und Gesundheit sowie die vorhandenen Ressourcen und Energien, zu schützen. Nicht aus Bequemlichkeit, Egoismus oder Angst vor dem Leben, sondern vielmehr aus einer Selbstfürsorge und -bestimmung für den eigenen Körper und das eigene Wohlbefinden.
Ein Beispiel aus meinem persönlichen Alltag:
Ich bin auf eine Feier zu Freund*innen eingeladen, die ich alle schon sehr lange nicht mehr gesehen habe.
Meine FOMO meldet sich zu Wort: "Komm' schon, lass' uns hingehen und uns ein paar schöne Stunden machen. "
Meine NOMO analysiert die Situation und berücksichtigt dabei auch meine momentanen persönlichen Grenzen und medizinischen Vorgaben:
"Solange die Feier draußen stattfinden kann und wir genug Platz haben uns etwas abseits platzieren zu können, ok.
Aber es sind auch viele Kinder dabei, die häufig krank sind, hierbei sollten wir gut auf uns aufpassen und vorab kommunizieren, dass wir nicht in Kontakt mit kranken Personen kommen dürfen, um eine Infektion zu vermeiden, die unser Immunsystem zurzeit nicht bewältigen kann."
Es mag sich zunächst wie das Verzichten auf Genuss und Lebensmomente anfühlen, ist jedoch vielmehr von Selbstfürsorge geprägt und vielleicht auch eine Form von Selbstschutz.
Ich bin überzeugt, dass viele Menschen in ihrem Leben eine Form der NOMO erleben. Ganz besonders vielleicht nach schwierigen und herausfordernden Lebensphasen wie einer lebensbedrohlichen Erkrankung, Schicksalsschlägen, Trauer, chronische Beschwerden etc.
Aber auch Umbruchsphasen und Veränderungen im Leben sowie Personen mit unterschiedlichen (akuten) Einschränkungen können eine Form von dauerhafter oder vorübergehender NOMO empfinden.
NOMO wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst:
externe (nicht selbstbestimmte) Faktoren:
medizinische Vorgaben (keimfreie Ernährung, Verhaltensregeln zur Infektionsvermeidung, keine Sportfreigabe bei bestimmten Blutwerten etc.)
Kranke Mitmenschen (kein Treffen möglich)
(Kontroll-) termine
Behandlungen inklusive deren Nebenwirkungen
Gesundheitszustand
interne Faktoren
Stimulation overload (Reizüberflutung; kann entstehen durch zu viele Menschen, damit verbundene Interaktionen, überfüllte Orte, hoher Lautstärkenpegel, sich zurechtfinden in einer Situation)
Ängste in Verbindung mit der Erkrankung ("Kann ich das schon?" "Ist mir das möglicherweise zuviel?" "Was ist, wenn ich mich mit etwas anstecke?")
Energielevel/ Grad der Erschöpfung
Was kann nun helfen bei NOMO?
Prioritäten setzen:
Was ist mir persönlich wichtig?
Was möchte ich auf keinen Fall verpassen und wo muss ich dafür Abstriche machen?
Auseinandersetzung mit dem eigenen Energiehaushalt:
Wie sieht es um mein Energiekonto aus und wodurch steigt/sinkt Energie?
Wie lassen sich Erlebnisse mit diesem vereinbaren?
Kommunikation gegenüber Herzensmenschen:
Wie fühlt es sich zurzeit an nicht dabei sein zu können?
Was können deine Herzensmenschen in dieser Situation für dich tun?
Verständnis für das eigene Innenleben gewinnen durch Erklären
NOMO ist für mich nur ein Teil auf der Reise zur JOMO (joy of missing out), welche letztlich das Gefühl von Freiheit bedeutet, das dabei empfunden wird, wenn Dinge ganz bewusst und selbstbestimmt ausgelassen werden. Ich befinde mich also zurzeit auf dem Weg zu mehr Leichtigkeit und Freiheit bei der Wahl meiner Tätigkeiten. Irgendwo zwischen der Angst und Notwendigkeit etwas auszulassen und dem Vertrauen ins Leben und die Zuversicht, dass es immer weitergehen wird.



Kommentare