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Deja Vu


Du drehst den Fernseher auf und schaltest deinen liebsten Streamingdienst ein. Du entscheidest dich schließlich für einen Film aus der breiten Angebotspalette, nur um nach wenigen Minuten feststellen zu müssen, dass dir der Inhalt seltsam bekannt vorkommt. Das berühmt berüchtigte Deja Vu tritt ein, du kannst die nächste Szene vorhersagen und fragst dich woher dir all das bekannt vorkommt. Alles schon einmal gesehen, gehört, gefühlt und erlebt. Dieses Gefühl setzte bei mir vergangenen Freitag ein, als ich das Krankenhaus erneut verlassen durfte, um zwei Wochen zuhause zu verbringen, bevor der dritte Versuch einer Stammzelltransplantation erfolgen sollte. Spielen wir meinen Film einmal ab:


"Die Spenderin wurde erfolgreich kontaktiert und erklärt sich erneut dazu bereit zu spenden. Sie werden am 19.5. stationär auf der Knochenmarkstransplantation (KMT) aufgenommen und erhalten somit am 26.5. die Stammzelltransplantation."

Die Worte der Oberärztin dringen in mein Ohr, sickern allerdings noch nicht komplett durch. Die Freude über diese Entwicklung bleibt irgendwie aus, sie steckt irgendwo in meinem Inneren fest. Stattdessen fühle ich mich leer, nehme die weiteren Sätze nur dumpf und wie durch beschlagene Ohren wahr. Die nächsten stationären Aufenthaltstage sind geprägt von ambulanten Voruntersuchungen, welche vor einer Transplantation gebraucht werden. Ich wandle durch diese Tage, noch immer leicht verwirrt darüber, wie ich mich nun fühlen soll. Die Fahrtrichtung stimmt endlich wieder, ich bin auf der richtigen Spur eingereiht, aber sitze in meinem eigenen Auto untätig herum, lasse den Autopiloten mit mir weiterfahren.


Nur wenige Tage später, Freitag, wird mir offenbart, dass ich bis zur stationären Aufnahme an der KMT nach Hause entlassen werde. Auf der einen Seite kommt diese Nachricht sehr überraschend für mich, sind es doch immerhin noch zwei Wochen bis zur Aufnahme. Auf der anderen Seite "sind Ihre Werte stabil, Sie erhalten keinerlei Behandlung bei uns und die letzten Voruntersuchungen können Sie durchaus von zuhause aus ambulant durchführen." In mir drinnen regt sich Angst, alleine in die freie Wildbahn entlassen zu werden, weg von der Sicherheit der Krankenhausmauern. Dies ist ein Widerspruch in sich wenn man bedenkt, dass die Umgebung eines Krankenhauses weitaus gefährlicher für unser Immunsystem ist, aber ich beginne langsam jene Patient*innen zu verstehen, die sich unsicher fühlen und Angst haben zuhause nicht zurechtzukommen. Mit einem gespielt fröhlichen "Überraschung, ich komme heute nach Hause", rufe ich Manuel an, der ebenso wie ich, seine Gefühle darüber nicht einordnen kann. Zu bekannt kommt uns diese Situation vor, die wir schon zweimal durchgemacht haben. Der alles entscheidende Termin für einen Neustart ins Leben wurde uns immerhin schon zweimal gegeben, nur um auf Umwegen und dank zahlreicher Komplikationen dann doch von der Spur abzukommen und alles abzusagen. "Meiden Sie kleine Kinder, Haustiere und tragen Sie so oft als möglich eine Maske, denn für die KMT müssen Sie vollkommen keimfrei sein", gibt mir die Pflegerin noch mit auf den Weg.


Vor meinem inneren Auge sehe ich immer wieder dieselbe Szene. Ein rot markierter Tag im Kalender, alle Vorbereitungen abgeschlossen, begebe ich mich zur Startlinie, doch kurz davor stolpere ich über einen Stein, die Startnummer wird mir abgenommen und die Linie rückt in weite Ferne. Zwei volle Wochen soll ich mich zuhause somit von allem fernhalten, dass möglicherweise ein Hindernis für den Start in die Transplantation darstellen könnte. Ich bin hin- und hergerissen zwischen dieser Gefühlsleere, die als Selbstschutz dienst, damit ich nicht wieder enttäuscht bin, falls der Film erneut so ausgehen sollte wie die letzten Male, und der alles umgreifenden Angst in meinem Kopf vor gefühlt ALLEM und JEDEM*R! Noch nie war es für mich so schwierig Menschen abzuweisen, die ich liebe, aber die mir auch gefährlich werden könnten. Ich fühle mich seltsam allein, aber gleichzeitig macht mir die Nähe zu anderen viel zu viel Angst.


Zurzeit erlebe ich jeden Tag dieses Deja Vu-Gefühl. Man sieht sich die gleiche Stelle im selben Film immer wieder an, kennt aber nur den negativen Ausgang und hat Mühe sich das positive Ende vorzustellen. "Positiv denken", "selbsterfüllende Prophezeiung" schon klar, aber wenn die eigenen Erfahrungen auf die man in ähnlichen Situationen zurückgreift, allesamt einen negativen Ausgang hatten, wie kann man dann umschalten und sich ein positives Ende ausmalen?

Diese zahlreichen Eigenproduktionen der verschiedensten Streamingdienste, leicht verdaulich, seicht und immer wieder mit einem durchschaubaren, nicht überraschenden Ende. Aber was ist wenn zur Abwechslung einmal einer dieser Filme anders als erwartet ausgeht? Gibt es beim dritten Mal eine überraschende Wendung für mich? So quasi "aller guten Dinge sind 3"?


Und schon wieder gibt es einen "Final Countdown" -Kommt euch bekannt vor? Mir auch....

1 Kommentar

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1 comentário


Convidado:
10 de mai. de 2023

Aber dieses Mal wird alles gut gehen. Die gefühlte Achterbahn ist mehr als nachvollziehbar, aber in Summe sind das alles gute Nachrichten. Du schreibst vom richtigen Auto auf der richtigen Spur und vom Autopiloten. Perfekt, lass es einfach laufen, riskiere nichts unnötiges und nütze die gewonnene „Bonuszeit“ zuhause. Kommt dir bekannt vor? Ja genau - habe ich mir von deinem „Bonuswochenende“ geliehen ;-).

Dein Umfeld wird verstehen, wenn du jetzt auf Nummer sicher gehst. In 1 1/2 Wochen geht es los und alles wird gut.

hdl

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