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Das Leben findet immer einen Weg, Stammzellen auch

Unser Blut ist wie der Fluss des Lebens, der durch unseren Körper fließt. Innerhalb bestimmter Grenzen wie Gefäßwänden findet große Flexibilität statt, nichts ist statisch, alles fließt zu jedem Zeitpunkt und was soeben noch an einer Stelle gewesen ist, ist kurz darauf weiter mit dem Strom geschwommen. Genauso wenig wie unser Blut jeden Tag das Gleiche ist und wir mal mehr mal weniger Eisen oder Blutplättchen darin finden, so bewegt sich auch unser Leben fließend und kein Tag gleicht dem Anderen. Es gibt Stromschnellen, Ebbe, Überflutungen, ruhiges Dahinplätschern oder hin und wieder Steine, die den Fluss blockieren wollen, aber eines gibt es nie: Stillstand.


In dieser Woche durfte ich lernen und auch am eigenen Körper erfahren, wie schnell das Leben nach der Ebbe im Tal wieder Fahrt aufnehmen und mit voller Energie wieder hochfahren kann. An Tag +10 nahmen meine Stammzellen ihre Arbeit auf und seitdem bekomme ich jeden Tag gute Nachrichten über die immer größer werdende Zahl an Zellen, die durch meinen Körper fließt und mir somit neues Leben einhaucht. Der Fluss des Lebens stellt sich also langsam wieder her. Auch meine körperlichen Kräfte kommen dadurch gefühlt mehr und mehr zurück. Immer mehr Medikamente werden von Infusionen auf eine orale Aufnahme umgestellt und zahlreiche Nebenwirkungen verschwinden nach und nach wie sie gekommen sind. Einzig und allein der stechende Schmerz in meiner rechten Schulter, den mir niemand so wirklich erklären kann, hält sich seit Tagen beständig und kostet mir meinen Schlaf. Aber im Vergleich zu dem Tal, das hinter mir liegt, scheint dies ein annehmbarer Preis für den Aufschwung zu sein und immerhin wird auch dieser Schmerz vergehen und zur Erinnerung werden.


Es wird vermehrt von einer möglichen Entlassung gesprochen, wenn die Werte weiter steigen, aber konkrete Angaben werden keine gegeben, dafür jede Menge Aufklärungs- und Informationsbögen für die Zeit zuhause ausgeteilt. Ich bin verwirrt, gerade noch waren da 0 Zellen, nun sind sie sehnlichst erwartet da, wenn auch bei weitem noch nicht in der gewünschten Form und schon werden Andeutungen über meine Entlassung gemacht. Dies löst zwei konträre Gefühle in mir aus:


Zum einen die Vorfreude darüber, dieses Zimmer verlassen zu können und mein gewohntes Umfeld wieder zu beziehen, mit Manuels Kochkünsten und noch viel mehr, seiner Nähe und Zärtlichkeit, die seit meiner Aufnahme hier abhanden gekommen ist. Wenn man eine absolute Risikopatientin aus Porzellan ist, ist es schwierig Händchen in schweren Zeiten zu halten, auch wenn es gerade das ist, was man sich am meisten wünscht und brauchen würde. Außer seelischem und mentalem Beistand gibt es zwischen zwei Liebenden keine andere Möglichkeit sich zu unterstützen und aufzubauen. Die Sehnsucht ihn wieder umarmen und ihn jederzeit berühren und spüren zu können ist stark und somit auch die Vorfreude, wenn die Zeit hier bald vorübergeht.


Auf der anderen Seite herrscht ein Gefühl der Unsicherheit und des Ausgeliefert seins vor einer Welt da draußen, in der mich gefühlt jeder Mückenstich und jede Berührung eines fremden Menschens wieder hierher zurückbringen können. Ich bin wie ein Neugeborenes ohne jeglichen Schutz meines Immunsystems, das erst in 12 Monaten wieder vollständig entwickelt sein wird. Ich habe jede meiner Impfungen verloren und bin auf eine Vielzahl an Medikamenten in einer kleinen Schachtel angewiesen, die dafür sorgen, dass meine Zellen im Inneren nicht Amok laufen und sich gegenseitig bekriegen. Dort draußen bin ich auf mich alleine gestellt. Ich schlucke bei dem Gedanken schwer und klammere mich plötzlich an diesen Ort, der doch auch Sicherheit gibt.


Ich ziehe die Jasmin, die gedanklich schon wieder kilometerweit entfernt ist an ihrer Leine zurück und hole sie ins Hier und Jetzt. Wie war das nochmal mit jeder Tag steht für sich und wir arbeiten jeden Tag ab und lassen uns überraschen was er mit sich bringt? Da waren meine alten Gewohnheitsmuster der Ungeduld und des vorausschauenden Denkens wohl mit mir durchgegangen. Ich versuche daher wieder jeden Tag die steigenden Zellzahlen zu beklatschen, stolz auf die Leistung meines Körpers zu sein und weiterhin zu warten, was als Nächstes passiert, denn um mehr geht es eigentlich auch momentan nicht oder?!

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