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2. Kapitel: Das Rezidiv

  • Autorenbild: Jasmin Poschmaier
    Jasmin Poschmaier
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Ich habe dieses neue Leben in trügerischer Sicherheit für 2,5 Jahre gelebt-

-Ich habe schnell gelebt - 3 Leben in einem gelebt und dabei einige Dinge auf meiner Lebensliste abgehakt, die ich ursprünglich für eine ganze Lebensspanne ausgewählt habe.

Alles in 2,5 Jahren ....

....bis zu diesem einen Punkt, an dem ein Erdbeben meinen Lebensweg erschüttert und sich vor diesem eine abgrundtiefe Schlucht eröffnet hat.

Ich komme fassungslos vor dieser Schlucht ins Stehen, unfähig einen Schritt darauf zuzumachen, erstarrt in Angst, Verzweiflung und Wut.

Vor mir wird der Weg auf der anderen Seite in einen undurchsichtigen grau-schwarzen Nebel getaucht, der mir die Sicht auf die Zukunft versperrt.

Bild von Veenvorm auf Pixabay
Bild von Veenvorm auf Pixabay

Am 11.11. empfange ich nicht den Faschingsbeginn, sondern das 2. Kapitel meiner Krebsgeschichte, das sich ungefragt in Form eines denkbar schlechten Blutbildes seinen Weg zurück in mein Leben drängt. Beim Anblick der niedrigen Werte, die sich über all meine Blutzelllinien ziehen, geziert von Pfeilen, die allesamt nach unten zeigen, beginne ich den Kopf zu schütteln, während die ersten Tränen sich ihren Weg bahnen. Ein kurzes Lachen entkommt mir bei der Erkenntnis, dass es eine Wiederholung braucht, um zum ersten Mal über eine Diagnose zu weinen. Ich schnappe das magische Wort "Beckenkammbiopsie" wieder auf und der Film vom letzten Mal beginnt wie automatisch vor meinem inneren Auge abzulaufen. Durch meinen getrübten Blick nehme ich ein einziges Wort auf dem Notizblock vor mir wahr -es sticht ins Auge und mitten ins Herz- "Kinderwunsch?" Der Traum verblasst und ich schaue weg um wieder in den jetzigen Moment bei der Ärztin anzukommen. So sollte dieser Termin doch nicht ablaufen! Diese Kontrollen laufen wie ein Service beim Mechaniker: Rein - CHECK - Raus und bis in 6 Monaten - that's the deal!


Während mir die Ärztin noch einen Hauch von Hoffnung machen möchte, dass möglicherweise ein Virus für das schlechte Blutbild verantwortlich sein könnte, schleicht sich die Angst über die zweite Möglichkeit der Ursache langsam in mein Bewusstsein. "Der Verdacht eines Rezidivs besteht, aber dies müssen wir noch abklären." Die Tage, die vergehen fühlen sich an wie Monate, in denen ich beginne eine innere Leere zu spüren, anstatt die Fülle an Emotionen einzuladen, die gerade da sein könnten.


Innerhalb von zwei Wochen gesellt sich eine 9. Narbe zu meinem Beckenkamm hinzu und mein Blutbild rauscht weiterhin nach unten. Ich funktioniere in einer Art Überlebensmodus und klammere ich an das, was von einem Alltag noch übrig ist. Während ich zum Einen versuche mit dem Schicksal, Universum oder dem Allmächtigen zu verhandeln und mich gegen die Wiederholung dieses Weges zu wehren -"Ich will das alles nicht nochmal, ich kann nicht"-, hat ein anderer Teil in mir sich mit der Aussichtslosigkeit der Situation bereits abgefunden und sitzt somit ohne auch nur mit der Wimper zu zucken bei der Diagnosestellung

REZIDIV =das Wiederauftreten einer Erkrankung nach ihrer zeitweiligen Abheilung

Die Bilder von Blutkonserven, Chemococktails in schillernden Farben, Krankenhausbetten, Narben und kahlen Köpfen sausen an mir vorbei. Die Naivität vom ersten Mal ist verschwunden und weicht dem Wissen und den Flash Backs der Erinnerungen aus dem Jahr 2023. Nach 2,5 Jahren mit neuem Blut in einem vermeintlich gesunden Körper und Leben, in dem ich gelebt, gelacht, geliebt und geträumt habt, hat sich dieses "Gfrast" wie es die Ärztin nennt, erneut durchgesetzt.

Ich WILL und KANN nicht, aber was ist die Alternative mit 31 Jahren? Aufgeben? Noch ein paar gute Jahre? Keine Sorge, dieser Gedanke hat mich nur kurz heimgesucht.


Ich starre also weiterhin auf den Graben, der mir den Weg versperrt und den dahinterliegenden Nebel, der mir den Blick auf meine Zukunft verwehrt. Ich bin nicht in der Lage den ersten Schritt auf diese ungewisse, perspektivenlose Zukunft zu machen. Die Resignation in meinem Inneren wird vom schlagenden Rhythmus meines Kämpferherzens verdrängt. Ich bin noch nicht fertig hier, das kann nicht alles gewesen sein. Ich will mehr vom Leben!!!!

Und das wollen auch meine Ärzte und suchen nach einem neuen Spender für eine mögliche zweite Transplantation. Ich denke an meine Lebensretterin und all das, was sie mir geschenkt und vor allem ermöglicht hat mit ihren Zellen. 2,5 Jahre haben sie mich durchs Leben getragen.

Wie hoch ist die Chance diesen perfekten Match nochmal zu finden?

Und was ist, wenn am Ende auch diese Zellen nicht reichen um den Graben auf meinem Lebensweg zu überwinden?


Die Spendersuche läuft und ich habe wieder im AKH eingecheckt für die Fortsetzung dieser Geschichte. Im Gepäck meinen Blog, die Worte, die ich aufs Papier und zu euch bringe und ein neues unbeschriebenes Kapitel.

Ob ich bereit bin den ersten Schritt zu wagen? Auch wenn ich mich zurzeit noch mutlos fühle, weiß ich, wenn es darauf ankommt werde ich langsam gehen und diese Fortsetzung schreiben.

 
 
 

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2 Kommentare


Gast
vor 19 Stunden

Hallo meine Große!

Ich spüre so viel Lebensmut und steigende Zuversicht in den ersten Zeilen des neuen Kapitels. Es ist beschämend wie du uns dadurch Mut machst weiter zu gehen und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Das wäre ja unser Job 😉

Danke dafür - wir stehen gemeinsam vor diesem Nebel, wir wissen aber auch was darin und dahinter versteckt ist. Auch wenn wir es uns anders vorgestellt und gewünscht hätten, wir gehen den Weg wieder gemeinsam und werden das andere Ende des Abgrunds finden und erreichen.

Du gabst und gibst so vielen Menschen Mut und Zuversicht. Glaub an die Medizin, deine Kraft und eine höhere Macht. Wir schaffen das.

Ich liebe dich - Dein Papa

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Glücksbringer
vor 2 Tagen

Liebe Jasmin! Jemand der durch seine Texte soviel Magie und Liebe vermitteln kann, ist ein Wunder auf dieser Erde. Unbekannterweise schicke ich dir alles Glück dieser Welt und mein tiefes Empfinden, dass du diese Runde erfolgreich meisterst und das "Gfrast" diesmal für immer aus deinem Leben verabschiedest. Die Wünsche die ich für dich habe, kann man nicht in Worte fassen. Vertrau auf dich, du hast eine unbändige Kraft. Alles Liebe ❣️

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