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Willkommen im Informationsdschungel!

vor 12 Stunden
4 Min. Lesezeit

Mit einem immer schwerer werdenden Rucksack schleppe ich mich durch die Versorgungslandschaft unseres Gesundheitssystems. Meine Heilungsreise gestaltet sich als kräftezehrend und meine Nerven werden zunehmend auf die Probe gestellt. "Durchhalten, durchhalten, durchhalten. Immer weitergehen", sage ich mir mit jedem Schritt. Doch vor mir taucht bereits das nächste Hindernis auf meiner Reise auf: der bürokratische Dschungel des Gesundheitssystems!

Bild: privat (Grado)
Bild: privat (Grado)

Pensionsversicherung, Krankenkasse und Co. KG

Genauer gesagt stehe ich vor einer Schiebetür, die nicht aufgehen möchte und mich von einer pünktlichen Ankunft bei meinem Beratungstermin abhält. Mit meinem prall gefüllten Ordner unter dem Arm, der meine medizinische Krankengeschichte der letzten Monate und Jahre enthält, trete ich immer wieder nervös vor die Schiebetür in der Hoffnung, dass sie aufgeht. Ein Mann in Hemd mit der Aufschrift "Sicherheitsdienst" tritt von innen an die Schiebetür, deutet auf seine Armbanduhr und sagt: "Wir öffnen um sieben Uhr, vorher geht die Tür nicht auf." "Aber ich habe doch genau um 7 Uhr einen Termin", entgegne ich, doch der Mann zuckt nur mit den Schultern und stapft wieder zurück zu seinem Platz neben der Eingangstür. Daraufhin geht die Tür auf und ich stolpere in den Dschungel hinein. Die Stimmung des Mannes nimmt eine drastische Wendung und er lächelt mir freundlich zu und fragt mich wo ich hin muss und wie er mir helfen kann. Verwirrt verweise ich darauf, dass ich einen Termin habe und werde in den Wartebereich gelotst.


Während ich warte, betrachte ich die Empfangshalle und die zahlreichen Broschüren über Pensionsarten, Unterstützungsmöglichkeiten und diverse Blanko Anträge zum Ausfüllen. Ich frage mich, wie es soweit kommen konnte, dass ich mich mit meinen jungen 32 Jahren an einem Ort wie diesen befinde und wie ich da wieder rauskomme. Meine bisherige Heilungsreise fand unter dem Schutz des Krankenstandes und damit verbunden dem Krankengeld statt. Doch wie so oft im Leben -oder in der österreichischen Versorgungslandschaft- werden gewisse Unterstützungsangebote und Sicherheitsnetze mit der Zeit abgebaut und die nächste Behörde ist auf einmal zuständig.

Der Ruf des Behördendschungels kam mit einem Brief, der mich sachlich und gefühlslos über die "Unabsehbarkeit" meiner derzeitigen Krankenstandslage aufklärte und mich aufforderte nächste Schritte mit der Pensionsversicherungsanstalt einzuleiten.

"Pension?! Haben Sie schon mal auf mein Baujahr geschaut?" , erwiderte ich der Dame am Telefon. Ich wurde freundlich darauf hingewiesen, dass die Dinge nun mal so sind wie sie sind und sich die Kolleg*innen der Pensionsversicherungsanstalt etwas für mich einfallen lassen müssten. "Aber ich will ja gar nicht in Pension gehen und was soll das überhaupt bedeuten?", denke ich.....


So kommt es also, dass ich nun naiv im Wartebereich sitze, in der Hoffnung, dass es zur Abwechslung einmal eine einfache Lösung für mein Problem gibt. Während ich warte überlege ich mir, wie diese "einfache Lösung" aus meiner Sicht denn aussehen könnte: Eine, die mir erlaubt meinem Heilungsprozess noch etwas mehr Zeit zu geben, die er mit meinem neuen Behandlungsplan noch braucht. Eine, die aber auch meinem Wunsch gerecht wird, wieder in mein normales (Arbeits-)Leben inklusive aller damit verbundenen Rollen zurückzukehren. Ich kann doch nicht die einzige Person da draußen sein, die mit ihrer Krebserkrankung das Maximum an Krankenstandstagen erreicht, weil ihre Behandlung und Heilung länger dauert.

Was ich noch nicht gewusst habe: Von nun an hat mich der Dschungel der österreichischen Sozialversicherungsträger in seinen Fängen.


Bild: privat (Grado)
Bild: privat (Grado)

Der Weg durch den Dschungel

In den nächsten Wochen lerne ich nicht nur ein neues Vokabular in einer Sprache, die ich bisher nicht gesprochen habe, sondern erhalte unterschiedliche Informationen von verschiedenen Menschen, die sich allesamt gegenseitig aufheben und viele meiner Fragen unbeantwortet lassen. Meine Wanderkarte durch den Dschungel wird immer unübersichtlicher und bei jedem Update taucht ein neues unbekanntes Gebiet auf. Ich versuche die Informationen einzuordnen, darüber zu schlafen und nicht unterzugehen, während ich eigentlich auch noch meine derzeitige ambulante Therapie bestreite. Ich versinke in einem Strudel aus Verwirrung, Verzweiflung und Hilflosigkeit.


Einige Stimmen rufen aus dem Dschungel: "Beeil' dich, sonst ist es zu spät!"

Mir fliegen Anträge und Fristen entgegen. Ich stolpere wie ein gejagtes Tier durch den Dschungel. Ich lande immer wieder in Sackgassen oder werde vor vermeintliche Tatsachen gestellt, die bei der nächsten Stelle widerrufen werden. Ich bin überfordert und möchte aussteigen aber es gibt kein Entkommen. Auch wenn all diese Systeme dazu da sind Menschen in Situationen wie meinen aufzufangen und zu unterstützen, so fehlt eine zentrale Drehscheibe oder ein Guide, der den Weg durch das Dickicht an Informationen, Anträgen und Varianten weist und mich sicher durch den Dschungel bringt.

Ich liege am Boden und frage mich, wie Menschen mit weniger Durchhaltevermögen, kognitiven Kapazitäten oder Unterstützung durch ihr Umfeld, ihren Weg durch diesen Behördendschungel bewältigen. Geben sie einfach auf oder werden sie vom Dschungel verschluckt und gehen verloren?


Der Blick in die Zukunft

Eigentlich ist es ganz einfach, was die Behörden von Menschen wie mir im Langzeitkrankenstand verlangen: Bist du in 6 Monaten wieder fit für das Arbeitsleben? Je nachdem musst du dich nun entscheiden welchen Weg und damit verbunden welchen Guide du dir durch den Dschungel an die Hand nehmen willst.

Ich sitze vor meiner Kristallkugel und versuche in die Zukunft zu schauen. Ich versuche ein Bild von der Jasmin in 6 Monaten zu sehen: Wo steht sie? Wie geht es ihr? Läuft die Therapie noch? Ist sie krebsfrei? Hat sie Beschwerden oder Einschränkungen? Wie sieht ihr Alltag aus? Doch statt eines klaren Bildes von der Zukunft, sehe ich nur Nebel. Scheinbar ist meine Kristallkugel also kaputtgegangen und ich kann diese simple Frage der Behörden nicht beantworten. Ich hole meine Ärztin dazu und bitte sie, für mich einen Blick in die Kristallkugel zu machen und mir zu sagen, wie meine weitere Reise denn so aussieht und ob meine Therapie bald beendet ist und ich wieder in mein "normales" Leben zurückkehren kann.

Aber auch sie kann zurzeit kein klares Bild meiner Zukunft und vor allem meiner Heilungsaussichten in der Kristallkugel ausmachen. Sie spricht ein Wort aus, das mir die Aussichtslosigkeit meiner Lage bewusst macht: "Dauertherapie".


Die Uhr tickt und ich muss einen Weg wählen, um weiterhin im Versorgungs- und Sicherheitsnetz unseres Gesundheitssystems bleiben zu können. Ich muss Entscheidungen treffen, die sich für mich endgültig und nicht stimmig anfühlen. Wie soll ich mich entscheiden? Herz über Kopf? Was brauche ich, um wieder Halt im Leben zu finden und was ist die vernünftigste Entscheidung? Geht beides oder lässt sich das nur rational lösen?

Wenn die Zukunfts-Jasmin doch nur zu sprechen und aus dieser Kristallkugel hervorschauen könnte....



 
 
 

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