Ein Chemozyklus erklärt in 3 Etappen
- Jasmin Poschmaier
- 27. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Im Rahmen einer Krebserkrankung durchläuft man – je nach Krebsart und Behandlungsplan – sogenannte Chemozyklen, die bei jedem Betroffenen ganz unterschiedlich und damit einzigartig verlaufen.
Auf meiner Tour de Leukämie treffe ich auf andere Reisende, die sich in den verschiedensten Phasen ihrer Erkrankung – und vor allem ihrer Reise – befinden. Wir fahren nicht um die Wette, sondern nebeneinander und legen dabei, jede*r für sich, ganz eigene Etappen zurück. Wir begegnen einander am selben Ort, der hämatologischen Station, und doch befinden wir uns an ganz unterschiedlichen Punkten unserer jeweiligen Tour.
Bei jedem Chemozyklus meiner Tour de Leukämie wird mir von außen häufig die Frage gestellt: „Wie lange musst du denn dieses Mal bleiben?“ Anders als bei der Tour de France kennen wir bei der Tour de Leukämie weder die genaue Kilometerzahl noch den Zeitraum, den wir brauchen, um diese zu bewältigen. Was antwortet man also auf die Frage, wie lange es dauern wird?
Ich möchte versuchen, greifbarer zu machen, welche Etappen es bei einem Chemozyklus gibt, und dabei betonen, dass sich diese von Krebsart zu Krebsart ebenso wie von Mensch zu Mensch stark unterscheiden können. Daher keine Gewähr, dass dies bei anderen Betroffenen genauso verläuft.
Ich nehme euch mit auf meine Tour de Leukämie (Chemozyklus), die sich in drei Etappen gliedert.
Etappe 1: Das bunte Giftzeugs (die Chemotherapie)

Bevor es losgehen kann, geht es um die richtige Ausstattung. Dazu gehören ein funktionierender Venenzugang oder – noch besser – ein zentralvenöser Katheter (ZVK) am Hals, um während des Rennens ausreichend mit dem notwendigen „Doping“ versorgt werden zu können. Es folgt die Aufklärung über die Chemotherapie und mit der Übergabe des dazugehörigen Protokolls die Rennbesprechung. Im besten Fall gibt es einen Fahrplan, und die Route, die vor einem liegt, ist klar festgelegt. Doch auch die Fahrt ins Ungewisse ist eine Möglichkeit, bei der man im Versorgungsfahrzeug sitzen bleibt und darauf wartet, an den Start zu gehen.
An der Startlinie angekommen, steigen Spannung und Nervosität, bevor das Silbertablett mit einem Beutel in kunterbunter Farbe herangetragen wird. Der Puls steigt, konzentriert vertiefe ich meine Atmung – und schon hängt der Beutel mit der lilafarbenen Flüssigkeit am Ständer neben mir. Mit jedem Tropfen bahnt sie sich ihren Weg in Richtung meines „Halsschmucks“ und schließlich in meinen Blutkreislauf.
Bereit oder nicht – der Startschuss ist gefallen, und wir sind mittendrin in der ersten Etappe, die aus unterschiedlich vielen Portionen dieser bunten Beutel besteht. Die ersten Strapazen zeigen sich bei den Teilnehmer*innen in den verschiedensten Variationen: von Verdauungsbeschwerden, Übelkeit und Kopfschmerzen über „wunderschöne“ Flecken und Ausschläge auf der Haut, offene Stellen in den dunkelsten Ecken des Körpers, fehlenden Appetit bis hin zu Abgeschlagenheit. Im Versorgungsfahrzeug gibt es für alles ein Gegenmittel, und so komme ich nach der Bergetappe oben an und schnaufe durch, bevor es mit Vollgas in die zweite Etappe geht.
Etappe 2: Sturzflug in die Aplasie (Crashkurs auf 0)

Ist das Chemoprotokoll abgearbeitet, beginnt dieses in der zweiten Etappe nach und nach seine volle Wirkung zu entfalten. Jeden Tag kommen neue Symptome hinzu, und langsam beginnt das kunterbunte Zeugs im Inneren seine Arbeit zu verrichten: Zellen zerstören – und zwar alle, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich rase den zuvor erklommenen Berg wieder hinunter, bis meine Blutzellen ihren Tiefpunkt erreicht haben und sprichwörtlich „im Keller“ angekommen sind. Ab jetzt kann jeder kleine Stolperstein auf dem Weg zu einem gefährlichen, folgenschweren Unfall werden.
Mehr Informationen zur Aplasie könnt ihr im Beitrag Das neue Leben: Von der Dysplasie in die Aplasie vom 28. Mai 2023 nachlesen.
In dieser Etappe kämpft man vor allem gegen sich selbst und gegen alles, was sich in den entferntesten und finstersten Ecken des eigenen Körpers versteckt hat und nun keinerlei Abwehrwand mehr vor sich findet. Unaufhaltsam bahnen sich Viren, Bakterien und alles andere, was an mikroskopisch kleinen Organismen kreucht und fleucht, ihren Weg an die Oberfläche. Die Temperatur am Thermometer steigt und steigt, und der Versorgungstrupp ist jederzeit bereit, um mich schließlich kurzzeitig aus dem Rennen in die Box zu holen.
Ich werde aufgepäppelt mit Treibstoff in Form von Blutkonserven, Pflastern für die inneren Verletzungen in Form von Thrombozytenkonzentraten sowie Paracetamol, Novalgin und Co. gegen den Fieberteufel. Antibiotika und Virenblocker finden sich in der täglichen Jausenbox, und ich taumele abgekämpft weiter – in der Hoffnung, dass auch diese Etappe bald vorbei ist und in die nächste entscheidende Zieletappe übergeht.
Teil 3: Wie Phönix aus der Asche (der Anstieg der Zellen)

Mit jedem Tag, der vergeht, hat man einen größeren Teil des Weges hinter sich gelassen. Je größer die Entfernung zur Bergetappe und zur verabreichten Chemotherapie wird, desto besser werden Nebenwirkungen und Symptome. Man ist wieder bereit, in den Sattel zu steigen und weiterzufahren. Langsam zeigen sich erste Anzeichen neuer Zellen im Inneren des Körpers. Jetzt heißt es warten, bis die Werte nach oben klettern und die Ärzt*innen die Zielfahne schwenken.
Wie Phönix aus der Asche bilden sich die Blutzellen unseres Körpers nach all den Strapazen und Etappen dieser Tour wieder neu.
Die Türen gehen auf, und mit dem orangenen Siegertrikot wirst du kurzzeitig zum Verschnaufen in den Heimaturlaub entlassen. Du blickst unsicher, aber auch ein wenig stolz auf deine Tour mit all ihren Etappen zurück. „Ist ja mal wieder gut gegangen“, denkt ein Teil von dir, während der andere weiß, dass es weitergeht, die nächste Tour bevorsteht und jeder Zyklus seine eigenen Tücken hat.
Die Launen der Leukämie sind unvorhersehbar, und die Frage, ob sich all die Mühen bezahlt gemacht haben, wird erst bei der nächsten Beckenkammbiopsie beantwortet. Während die einen mit wenigen Chemozyklen der Krankheit den Stinkefinger zeigen und sie verabschieden können, kämpfen sich andere durch weitere Zyklen und Etappen ihrer ganz persönlichen Tour de Leukämie.
Wie lange bleibt man also im Krankenhaus? Wie oft muss man sich dieser Tour unterziehen? Wann ist man "geheilt"?
Wenn es nur so einfach wäre ....



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